Einen Ersten Eindruck von Brasiliens Süden und den Menschen darin konnten wir uns jetzt verschaffen. Reich und arm liegen hier nicht weit auseinander. Durch die Fussgängerzonen und vor den Geschäften laufen neben Kunden, Geschäftsleuten und anderen Passanten auch manchmal die Müllsammler mit ihren Karren. Sie wohnen in den Fawelas und sortieren dort den gesammelten Müll bzw die Wertstoffe der Wegwerfgesellschaft und haben so ihr Auskommen. Letzlich haben sie so auch ihren Platz in dem Gesellschaftssystem. Nicht andes als die Pfandsammler in Deutschland. Andere leben in einfachen Häusern und bestreiten ihr Einkommen wie andere auch in Fabriken, Büros oder Behörden. Wer es sich leisten kann wohnt dann in den bewachten, umzäunten und kameragesicherten Condominhos. Der Elektrozaun auf der Mauerkrone wirkt schon ein bisschen wie das T-Rex-Gehege aus Jurassic Park. Manchmal auch kombiniert mit scharfem Stacheldraht. Immer mit Kameras und dem obligatorischen Wachmann am Eingang. Und hier reden wir jetzt nicht von Villen sondern von ganz normalen Einfamilienhäusern oder Reihenhäusern wo ganz normale Leute wohnen (so wie wir bei unseren Freunden auch).
Luftspalte
Bei der Errichtung von Häusern gelten hier völlig andere Massstäbe als wir sie in Deutschland gewohnt sind. Einfachverglasung und Türen ohne Falz sind standard. Bei Neubauten!! Scheint die Sonne auf die Haustür, kann man sie zwischen Türrahmen und dem Türblatt sehen. Auf dem selben Weg bahnt sich natürlich auch Regen seinen Weg. Dementsprechend verzieht sich die Tür luftfeuchtigkeitsabhängig – vielleicht der Grund warum man hier kein Barometer braucht um die Luftfeuchtigkeit abzulesen.
Das es hier und da mal reinregnet ist jetzt auch nicht so ungewöhnlich. In dem Bürogebäude in dem wir am ersten Tag waren, peitschte der Regen gegen die Treppenhausfenster. Die Abwesenheit von Falz und Dichtung hatte dem nichts entgegenzusetzen und so lief das Wasser halt rein, bildete einen Bach auf der Treppe und fiel in der Mitte des Treppenhauses der Schwerkraft folgend in den Eingangsbereich. Das Ganze auf jeder Etage eines 15 stöckigen Hauses. Im Eingangsbereich hat die Rezeptionistin dann alles aufgewischt. Der Rest läuft an den Wänden runter und versaut die Bausubstanz. Das interessiert aber offensichtlich niemanden.
Man baut Einfamilienhäuse hier in der Regel auch mit einer 10 cm Wandstärke aus Lochziegeln. Sofern der Wunsch nach Statik besteht, werden auch Stahlbetonstützen eingezogen. Stabil wirkt es im Rohbauzustand nicht wirklich, aber der Verputz verdeckt dann auch die Löcher im Mauerwerk. Isolierung verwenden übrigens nur Elektriker. Diese wiederum müssen wahre Chaosforscher sein. Strom und Telekommunikation kommen meist oberirdisch mit der üblichen historisch gewachsenen Kupferlandschaft in Form abenteuerlichen Makramees. So lange es funktioniert OK, aber einen Fehler suchen möchte ich insbesondere in der Telefonverteilung nicht. Und was für Folgen das Umklemmen eines Kabels hat würde ich nicht ausprobieren wollen.
Strassenverkehr
Autofahren ist schon ein bisschen abenteuerlicher. Auf den Strassen ist alles unterwegs, was noch fahren kann und zu Fahrtbeginn auch anspringt. Gefahren wird zügig und effektiv. Das bedeutet aber gleichzeitig, das rote Ampeln nur die verschärfte Form eines Stopschildes sind. Beides gilt als Empfehlung für sinnvolles Fahrverhalten (ähnlich dem Serviervorschlag auf der Fertiggerichtpackung). Macht an Kreuzungen durchaus Sinn, aber warum sollte ein Motorradfahrer an einer roten Ampel in Abwesenheit von Querverkehr mit den Autos warten. Da kann man sich schon mal durchschlängeln und weiterfahren. A propos Motorradfahrer – Yamaha und Honda scheinen ihre gesamte Produktion an 125er Bikes hierhin zu liefern. Wer nicht Auto fährt ist mit so einer unterwegs. Auch eine Reihe Kuriere, die dann eine grosse Kunststoffbox hinten drauf haben und sich durch den Stadtverkehr schlängeln. Fahrräder und Roller gehören nicht zum Strassenverkehr.
Blinken beim Spurwechsel ist generell verpönt, das Tempolimit wird zwar weitgehend eingehalten aber trotzdem wird dort gefahren wo gerade Platz ist und man zügig vorankommt. Das Stadtgebiet von Curitiba besteht weitestgehend aus mehrspurigen Einbahnstrassen. Gewöhnungsbedürftig aber scheinbar nicht uneffektiv. Nerviger sind da schon die immer wieder eingebauten Schwellen, die einen zum Bremsen zwingen wenn man seine Stossdämpfer nicht eh schon in den zahlreichen Schlaglöchern ruiniert hat.
Der Sicherheitsabstand gilt im übrigen erst als unterschritten, wenn zwei Festkörper wie etwa Stossstangen versuchen, sich gleichzeitig an der selben Position im Raum aufzuhalten, was nach den gängigen Gesetzen der Physik ja in der Regel nicht ohne Formveränderung vonstatten geht. Sofern noch etwas Luft ist, passt das also. Wie immer, wenn der Deutsche von den Fahrweisen im Ausland spricht natürlich auch hier die erstaunte Erkenntnis, das nichts passiert. Alle fahren so und rechnen auch mit allem.
Parken
Parken ist auch so eine lustige Sache. Shopping Malls haben modernste (!) Leitsysteme mit einer Leuchtanzeige über jedem Parkplatz. Man wird durch ein volles Parkhaus zu einem freien Platz geleitet. Da träumen die meisten deutschen Parkpläze noch von. Parkt man am Strassenrand oder auf öffentlichen Plätzen so ist das zwar im Prinzip kostenlos aber wenn man zum Auto zurückkommt, ist auch immer ein selbsternannter Parkplatzwächter (manchmal in offiziell wirkender Warnweste, dafür ohne Zähne) zur Stelle. Mit ein paar Reais ist er glücklich, denn er hat ja auf das Auto (unabhängig von der Parkdauer) aufgepasst. Ob der Herr die Autoknacker erst anruft oder was passiert wenn wirklich ein unautorisierter Geselle einen vom Eigentümer nicht gewollten Besitzübergang einleitet, weiss ich auch nicht.
Dann gibt es noch die privaten Parkplätze in der Stadt oder auch an der Fähre zur Ilha do Mel. Wer etwas Platz für 10-30 Autos hat betreibt einen bewachten Parkplatz. Dort kann man sein Auto relativ sicher abstellen. Zumindestens gibt es eine gefühlte Sicherheit, da das Fahrzeug in einem abgeschlossenen Bereich steht. Ist glaub ich sogar versichert. Und damit hat auch wieder eine ganze Reihe von Parkplatzbewirtschaftungspersonal sein Auskommen.
Dienstleistungen
Überrascht war ich gestern Abend vom Gasmann. Der kommt nämlich nicht zum Zähler Ablesen sondern in Ermangelung eines unterirdisch verlegten Gasanschlusses zum Flasche wechseln. Als am Montag Abend kein warmes Wasser mehr kam (Gasdurchlauferhitzer), wurde einfach mal schnell ne neue Buddel geordert und um 22 Uhr an einem Feiertag kam er mit ner neuen 30kg Flasche. Kleinere Häuser werden von Motorrädern beliefert, wo auch schon mal 5 von den kleinen 11 kg Flaschen drangetüddelt sind und die sich dann durch den Verkehr schlängeln.
Kunst
Street Art könnte hier erfunden worden sein. Die Bilder Grafitti zu nennen, ist untertrieben. Es gibt Stellen mit wirklich beachtenswerten und aussagekräftigen Bildern.